Juni 28, 2021

„Laufschuh-Dialoge“ – Woche 12/24

Wenn Sie lieber hören als lesen: schnell rüber in den Laufschuh-Podcast!
https://carstensprung.de/podcasts/laufschuh-podcast-woche-12

Vor einigen Jahren habe ich einen Vortrag von Robert Swan gehört. Sie erinnern sich bestimmt: von dem Mann hatten wir auf einer der letzten Laufrunden auch schon einmal gesprochen. Genau: er ist zu Fuß sowohl zum Nord- als auch zum Südpol gelaufen. Als erster Mensch überhaupt. Oder wie er selbst gerne sagt: „Ich bin der erste, der bekloppt genug war, das zu tun!“. Bis vor kurzem war er im Übrigen auch der einzige Mensch.

Ich sitze also bei einem Technologiekongress und höre Robert Swan zu. Er nimmt mich mit. In seine Kindheit und Jugend. In der er schon früh die Begeisterung für dieses Projekt gewonnen hat. Er berichtet von der Auswahl seiner Begleiter und von den Schwierigkeiten während der Vorbereitung. Seine Erzählung ziehen mich in ihren Bann: Tage und Nächte umgeben von nichts anderem als Eis. Ohne Handy. Nur auf sich und sein Team gestellt.

Wahnsinn.

Und gegen Ende seines Vortrages zitiert er Goethe:

„Wenn Du kannst, oder erträumst Du könntest – fang damit an!

Denn die Kühnheit trägt Genie, Macht und Magie in sich.“

Bevor Sie nun nach dem Ursprung suchen: dieses Zitat ist das Ergebnis zahlreicher Verfälschungen durch Übersetzungen. Das ändert aber nichts an seiner Wirkung. Und an seinem Sinn.

Denn in einem Punkt hat der Urheber Recht: der Direktor in Goethes „Faust“ macht seinen Unmut ja schon sehr deutlich. Und macht unmissverständlich klar: „der Worte sind genug gewechselt – lasst mich Taten sehen!“.

Und so schwer kann das doch nicht sein. Oder?

Und damit begrüße ich Sie zu unserer heutigen Laufrunde. Und es lohnt sich heute ganz besonders. Denn heute erfahren Sie etwas über das Geheimnis des „einfach anfangen“. Und warum „Zonendenken“ für wissenschaftliche Betrachtungen wichtig ist. Uns bei der Umsetzung unserer Ideen allerdings massiv einschränkt.

Ich persönlich mag es ja gerne konkret. Und deshalb nehmen wir als Beispiel die „Run & Help Kids-Laufchallenge“. Im Rahmen dieser Laufchallenge sammle ich seit 3 Jahren Geld für Kinder in Not. Und laufe dafür Marathon.

Das ist weder bequem noch komfortabel. Und nicht wenige in meinem Umfeld haben mir davon abgeraten. „Du bist doch kein Langstreckenläufer.“. „Das bringt doch nichts“. „Übernimm Dich nicht.“

Ich bin mir sicher: Sie kennen solche Situationen.

Und doch funktioniert es!

Schauen wir uns die Gründe doch mal genauer an! 

Zunächst einmal: vergessen Sie dieses ganze Gerede von der „Komfortzone“. Ganz ehrlich? Ich kann das nicht mehr hören. Bitte jetzt nicht falsch verstehen: die psychologischen Grundlagen zur Komfort- und Angstzone sind umfassend in Studien erforscht. Und ich stelle die auch auf gar keinen Fall in Frage. Sie sollten sich nur einmal etwas klar machen: es spielt am Ende gar keine Rolle. Und viele tolle Ideen scheitern bereits vor dem ersten Schritt. Dafür muss es doch einen Grund geben!

Für mich liegt der Grund nicht in der Existenz solcher Zonen. Sondern in etwas viel banalerem: durch das ständige Gerede über die „tollen Dinge ausserhalb unserer Komfortzone“ verlieren wir den Blick für das Wesentliche. Es erscheint völlig inakzeptabel: eine Idee innerhalb der eigenen Komfortzone zu verfolgen. Oder eine Überzeugung in meine Komfortzone hinein zu holen.

Wenn Sie Kinder haben kennen Sie diese Angst aller Eltern: hoffentlich geht das geliebte Kuscheltier niemals verloren. Nun stellen Sie sich aber mal vor: Sie gehen mit Ihrem Kind an einem See spazieren. Eddie, der kleine Elch, wird liebevoll von Ihrer Tochter getragen. Und bekommt die Natur gezeigt. Links die Bäume, Gräser und Sträucher. Und rechts der See mit seinem Schilf und seinen Seerosen. Und dann passiert es: Eddie wird übermütig und mit einem lauten „Platsch“ landet er auf dem Wasser. Begleitet vom hysterischen Aufschrei Ihres Kindes. Doch damit nicht genug: der kleine Kerl nutzt die Gunst der Stunde und schwimmt ein paar Züge auf den See. Und da schwimmt er nun: ca. 2,5m vom Ufer entfernt. An dem Sie ja mit Ihrem verzweifelten Kind stehen.

Das ist definitiv ausserhalb der Komfortzone!

Und wenn Sie mir jetzt erzählen: „Klar springe ich da rein! Die tollen Dinge passieren immer außerhalb der Komfortzone!“. Dann bin ich ernsthaft gewillt, Ihnen nicht zu glauben.

Also wirklich!

Im Ernst: was werden Sie tun? Sie geben Ihrem Kind einen Auftrag: „Sprich mit Eddie. Mach ihm Mut. Ich überlege mir etwas.“. Und dann gehen Sie los. Und wahrscheinlich kommen Sie mit einem langen Stock oder Ast wieder. Und angeln nach dem Kuscheltier.

Sie holen quasi das Problem in Ihre Komfortzone.

Und wenn der klitschnasse Elch dann endlich wieder im Arm Ihres Kindes ist. Dann wird es Ihnen völlig egal sein, wo er vorher war. Sie haben schlicht nicht darüber nachgedacht. Und vielleicht hat gerade das entscheidend zum Gelingen beigetragen?

Der leicht veränderte Spruch aus Goethes „Faust“ lässt es ja ausdrücklich zu:

„Wenn Du kannst. Oder erträumst, Du könntest. Fang an!“

Also: erlauben wir uns auch mal ein handeln innerhalb unserer Komfortzone.

Das führt uns sehr schnell zum zweiten Aspekt: viel zu oft bleiben notwendige Impulse unbeachtet. Meistens aus Bequemlichkeit. „Och nö, warum denn ich?“. Und genau hier hat die Lehre rund um die Komfortzone ihren Sinn. Da ist jetzt natürlich unglücklich: wir wollen uns ja nicht mehr damit beschäftigen. Wie können wir dann unseren inneren Kompass kalibrieren? Hier kommt – mal wieder – unser Umfeld ins Spiel:

Dazu müssen wir zuerst mal etwas klären: natürlich brauchen Sie ein Umfeld des Vertrauens. Derzeit leben wir ja eher in einem Klima der Angst und Mißgunst. Das ist Ihnen sicher auch schon aufgefallen. Da haben es neue Ideen traditionell schwer. „Das haben wir schon immer so gemacht.“, ist da noch eine der höflicheren Antworten. Nun liegt es ja an uns selbst: machen wir es doch anders. Schaffen wir uns ein stabiles Umfeld. Dem wir vertrauen und das zu uns passt. Allerdings ist hier Vorsicht angesagt: diese verdammten Spiegelneuronen sorgen mit großer Begeisterung für Probleme. Am liebsten haben wir ganz bestimmte Menschen um uns herum: Menschen, die uns sehr ähnlich sind. Und so können wir zwar meist bedingungslos vertrauen. Nur wenn wir zögern? Was macht dann unser Umfeld? Genau! Es zögert aus Sympathie gleich mit.

Da fällt mir dann auch nur eine Lösung ein: wir brauchen zwei soziale Netzwerke um uns herum.

Auf der einen Seite: die Menschen, die wir lieben und denen wir vertrauen. Und auf der anderen Seite die Menschen, die darüberhinaus etwas ganz Verrücktes tun: die uns etwas zutrauen. Die uns ermutigen. Uns in unseren Ideen bestärken und zum anfangen motivieren.

Diese Menschen sind Gold wert!

Sie sind dummerweise schwer zu finden. Denn meistens helfen uns unsere Spiegelneuronen nicht weiter. Macht ja prinzipiell auch Sinn. Im Moment des eigenen Zögerns sollen diese Menschen ja schliesslich sagen: „Komm, Burschi. Auf geht‘s!“

Und dann gibt es noch den wohl wichtigsten Effekt eines solchen „Die-trauen-mir-etwas-zu“-Netzwerkes: ich bin mir ja über das Zutrauen bewusst. Und ich vertraue den Menschen. Jetzt hatten wir uns ja gerade darauf verständigt: wir hören auf diese Menschen. Dann sollten wir es auch in einem besonders wichtigen Falle tun: wenn die Menschen in diesem Netzwerk mal sagen sollten:

„Mach es nicht!“

Zusammengefasst können wir also mal festhalten:

Sorgen Sie für ein stabiles Umfeld. Das Ihnen etwas zutraut! Und hören Sie auch mal drauf!

Der dritte Punkt ist ja mein Leib- und Magen-Thema: suchen Sie sich einen Grund. IHREN Grund.

Haben Sie mal eine Kinderpalliativstation besucht? Dann kennen Sie das: dieses einschnürende Gefühl im Hals. Sie sehen diese Kinder und denken nur: was um alles in der Welt bin ich für ein Glückspilz! Und ich kann Ihnen eines versprechen: bei Kilometer 37 im Marathon kann der berühmte „Mann mit dem Hammer“ jetzt gerne kommen. Dieses innere Bild von der Station macht den Kerl aber so klein mit Hut!

Es ist doch Im Grunde wie beim Heimwerken: da gibt es doch auch nichts beständigeres als Provisorien. Erlebt man ja immer wieder. Nur: woran liegt das? Im Grunde liegt es auf der Hand: wir haben ja erst einmal eine Lösung für unsere Idee bzw. unser Problem. Es gibt also keinen „Schmerz“. Keinen wirklichen Grund. Und dann passiert es eben: auch Monate oder Jahre später hat sich nichts getan.

Also halten wir das kurz fest: ohne Antrieb kein Grund zum Durchhalten.

Und dann gibt es noch einen Aspekt. Ich persönlich finde ihn am wichtigsten: ein Grund macht resilient. Er lässt unsere Idee auch die verschiedenen Diskussionen und Gespräche überdauern. Die Idee wird sich im Laufe verändern. Das muss sie sogar. Im Ernst: kaum eine Idee wird perfekt geboren.

Wäre schön, wenn sich das auch mal rumspricht … .

Vielmehr wird sich die erste Idee durch den offenen Dialog an Gegebenheiten und Möglichkeiten anpassen. Wir gewinnen in den Gesprächen und aus Erlebnissen Erkenntnisse. Und die verhelfen unserer Idee am Ende zu einem nachhaltigen Erfolg. Durch unseren Grund ist die Idee aber resilient. Und überlebt auch heftigste Auseinandersetzungen.

Kurzum:

wenn Sie Ihren Grund gefunden haben: dann wachsen Ihnen Flügel!

Ich wünsche Ihnen viele solcher Momente: in denen Ihre Kühnheit geniale Momente erzeugt. Momente, die wirken und Ihnen für immer bleiben. Die Sie motivieren: dem nächsten Impuls zu folgen. Und die mitreißend sind. Die zum Nachmachen ermutigen. Vor allem allerdings eines sind: der Ursprung für magische Wirkung auf unser Leben.

Ich bedanke mich für Ihre Begleitung auf dieser Laufrunde. Und freue mich schon auf unsere nächste. Bis dahin:

Vertrauen Sie sich. Und machen Sie ruhig auch mal Dinge innerhalb Ihrer „Komfortzone“. Vor allem allerdings vergessen Sie nie:

Ihre Ideen sind eine Umsetzung wert! Fangen Sie an!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.