Juni 2, 2021

„Laufschuh-Dialoge“ – Woche 10/24

Wenn Sie lieber hören als lesen: schnell rüber in den Laufschuh-Podcast!
https://carstensprung.de/podcasts/laufschuh-podcast-woche-10/

Hoppla. Schon wieder Zeit für die nächste Laufrunde? Na, dann wollen wir mal los. Ich freue mich, dass Sie wieder mit dabei sind.

Und während ich mir meine Laufschuhe anziehe würde mich das jetzt schon auch einmal interessieren. Wer von Ihnen hat auch immer wieder dieses stressgeplagte Gefühl und die Frage im Kopf: wo ist schon wieder die Zeit hin? Eben war es doch noch letzte Woche. Und jetzt?

Und was hatte man sich alles vorgenommen? Freunde anrufen. Zum Sport gehen. Zeit mit der Partnerin oder dem Partner verbringen? Aufmerksamer den Kindern gegenüber zu sein.

Und dann dieser ernüchternde Blick zurück: die Liste der erledigten Dinge ist überschaubar.

Das ist insbesondere im Hinblick auf die Freunde sehr ärgerlich. Denn eines hat uns diese Zeit des sozialen Abstands eindrucksvoll gezeigt: wir Menschen brauchen Nähe. Neben der Beziehung bzw. Partnerschaft sind es historisch betrachtet die Freundeskreise, die uns tragen. Und wir hatten ja vor ein paar Laufrunden auch schon über das Klima um uns herumgesprochen. Und waren uns ja einig: wir brauchen ein stabiles Klima, um das Mögliche aus uns zu machen. Und das Unmögliche zu erreichen.

Um unsere Überzeugungen in die Debatte zu werfen und um Zustimmung zu werben.

Für die notwendigen Veränderungen sollten wir uns vielleicht mal fragen:

wie stabil ist mein soziales Umfeld aktuell? Wie steht es um meinen Freundeskreis?

Schauen wir uns das mal näher an!

Wie in so vielen anderen Bereichen auch hat das Internet Freundschaften ganz ordentlich durcheinandergewirbelt. Vor 2004 waren noch die Sportmannschaft, der Kollegenkreis oder die Nachbarschaft Anlaufstelle Nummer eins. Seitdem haben sich die Kollegen Fa Cebo Ok und G. Oogle unaufhaltsam nach vorne geschoben.

„Soziale Medien“ ist die große Überschrift. Ehrlich gesagt halte ich die immer öfter für blanken Hohn. Aber das nur so am Rande.

Lassen wir einfach mal die Zahlen wirken: 2004 gegründet. Ende 2019 ca. 2,5 Mrd. aktiver Nutzer mit min. einem Aufruf pro Monat. Und knapp 25% der Befragten in Deutschland bezogen 2015 ihre Nachrichten aus facebook.

Im gleichen Zeitraum wurden die sozialen Medien zu einem Ort von Aufstieg und Niedergang. Von Applaus und Demütigung. Zu einem Ort besonderen Ausmaßes: wo sonst prallen alle Facetten menschlicher Verhaltensweisen so ungeschützt aufeinander?

Wir berauschen uns an „Likes“ und „Followern“. Kommentieren aus dem Schutz der Distanz immer enthemmter und oftmals ohne moralischen Kompass. Wir bezichtigen anstatt an einer wirklichen Debatte interessiert zu sein.

Wir lassen uns blenden von der Größe unseres „Freundenetzwerkes“ und suchen Bestätigung und Wahrheiten bei Google anstatt bei den Menschen in unserem realen Umfeld.

Innerhalb von nicht einmal 20 Jahren haben diese Orte im Internet es geschafft, was über Generationen hinweg Kriege und Katastrophen nicht hinbekommen haben: uns Menschen wieder zu unseren niederen Instinkten zurückzuführen.

Eine Entwicklung, die der dringend notwendigen Veränderung natürlich massiv im Wege steht.

Und sind wir doch mal wieder ehrlich zu uns selbst: was schauen Sie sich bei facebook an? Und was ich nicht so ganz verstehen kann: wie soll in dieser Umgebung eine sinnvolle Debatte möglich sein? Und wie unterscheidet man seine „Freunde“?

Ich bin selbst seit 2009 bei facebook gewesen und habe für mich festgestellt: am Anfang war es ja noch spannend, über die Erlebnisse entfernt wohnender Bekannter und Freunde zu lesen. Zuletzt allerdings habe ich mich immer mehr darüber gewundert: was schreiben manche Leute da? Würden die das auch auf dem Marktplatz an eine Littfasssäule kleben?

Für mich konnte das nur eines bedeuten:

Wirkungsvolle Freundschaften gibt es nur im „echten“ Leben. Punkt! 

Und so habe ich mich eben am 31.12.2020 von facebook abgewandt und diesen Blog begonnen. Mit sehr bemerkenswertem Ergebnis übrigens: ganz besonders durch die Laufschuh-Dialoge ergeben sich immer wieder interessante Gespräche. An deren Ende ich durch eine neue Perspektive oder einen neuen Gedanken meine Gedanken und Überzeugungen reflektieren konnte!

Nun möchte ich eines noch klarstellen: ich bin überhaupt nicht gegen soziale Medien im Allgemeinen und virtuelle Netzwerke im Speziellen. Ansonsten wäre ja z.B. mein LinkedIn-Profil auch einigermaßen inkonsequent.

Es geht vielmehr um eine ganz einfache Frage: WARUM bin ich dort?

Wenn die soziale Plattform sich über Masse statt Klasse definiert – dann wird es nichts mit der Basis für eine persönliche Entwicklung. Aus übrigens einem einfachen Grund:

geht es einem vermeintlichen „Impulsgeber“ mehr um die „Likes“ und „Shares“ oder seine persönliche Darstellung als um den eigentlichen Impuls und seine Wirkung? Dann kann ja nichts nachhaltiges dabei herauskommen. Und wenn der persönliche Nutzen weg ist? Dann ist auch die Unterstützung meiner Überzeugung weg. Und ich stehe alleine da.

Und so kommen wir zu einem sehr spannenden Punkt: woran messen wir eigentlich eine Freundschaft? Ich finde hierzu den Beitrag von Simon Sinek zum Thema „Trust vs. Performance“ (siehe „Buch der Woche“) sehr passend.

Es macht irgendwie einfach Sinn: wir sind getrieben vom Anspruch an Performance und Makellosigkeit. Immer schneller. Immer höher. Immer weiter.

Wenn Sie sich jetzt mal kurz fragen: an wen habe ich mich in meiner letzten Notsituation gewandt? Wobei Notsituation jetzt auch eine beruflich schwierige Phase oder ein Konflikt in der Partnerschaft sein kann. Und auch ganz ohne „großen Knall“.

Ich kann es mir gut vorstellen: auch bei mir wäre die Liste dieser Menschen relativ kurz. Und neben richtig engen Freunden gehören auch meine Eltern dazu. Und genau hier zeigt es sich: als Kind ist man auf seine Eltern angewiesen. Sie helfen einem beim „Groß werden“. Bringen einem alles bei. Nach bestem Wissen und Gewissen und nach ihren Vorstellungen. Und irgendwann passiert es: aus der Eltern-Kind-Beziehung wird eine Eltern-Kind-Freundschaft. Die mir vieles ermöglicht: herauszufinden, wer ich wirklich bin. Meinen eigenen Weg zu finden. Eigene Entscheidungen zu treffen. Und meinen Eltern beim „alt werden“ zu helfen.

Und doch bleibt dort immer der sichere Hafen.

Eine gute Freundschaft definiert sich also nicht über die Quantität: Anzahl der gemeinsamen Urlaube. Wert von Geschenken. Wie oft man miteinander telefoniert.

Für wahre Freundschaft ist Vertrauen das eigentliche Maß.

Klar, Vertrauen in einen Menschen ist kein exklusives Merkmal einer Freundschaft. Robert Swan hatte es uns ja vor ein paar Wochen eingebläut: „Nimm bloß keine Freunde mit auf eine solch riskante Expedition! Suche lieber welche, die genauso für die Sache brennen wie Du!“. Das ist jetzt dann aber doch bemerkenswert und wirft sofort eine entscheidende Frage auf:

wie lässt sich Vertrauen messen?

Sie können jetzt gerne entgegen: muss ich es denn überhaupt messen? Die Frage ist absolut zulässig. Und gerade weil der Sinn der Messbarkeit so unklar ist: schauen wir doch mal genauer hin.

Was genau suchen wir? Wir brauchen eine stabile Basis für unsere Ideen. Kritische Debatten um uns selbst zu reflektieren. Rückhalt bei der Umsetzung unserer Überzeugungen. Und manchmal auch Trost, Zuspruch oder einen kräftigen Tritt in den … ach, Sie wissen schon!

Wie genau soll das dann allerdings funktionieren? Wenn Sie nicht genau wissen: meint meine Freundin das jetzt ernst? Ist mein Freund gerade aufrichtig?

Erst wenn Sie Klarheit über die Stabilität und Tragfähigkeit der Unterstützung haben, ist der ganz große Erfolg möglich.

Und deshalb frage ich Sie jetzt noch einmal: wie messen Sie Vertrauen?

Und ich denke, wir sind uns ab hier auch einig: wir müssen einen Weg finden, es messbar – von mir aus sagen wir: begreifbar – zu machen.

Die schlechte Nachricht: es gibt dafür keine Vorlage. Das müssen wir selber tun. Die gute Nachricht allerdings:

Wir können den Maßstab für Vertrauen völlig frei selbst festlegen.

Ich kann es förmlich greifen: dieser fragende Blick und die Überlegung „Wo fange ich an?“.  Zum Ende unserer heutigen Laufrunde möchte ich Sie ermutigen: Sie dürfen abgucken und hemmungslos nachmachen! Denn die besten Lehrmeister in Sachen „Vertrauen“ sind – mal wieder: Kinder!

Kinder haben von Geburt an ein unerschütterlicheres Vertrauen in ihre Eltern. Mit Performance kann das ja nichts zu tun haben: das Kind weiss ja nicht, was Mama während der Geburt geleistet hat. Oder wie angestrengt Papa versucht hat, nicht in Ohnmacht zu fallen.

Was Kinder allerdings offensichtlich vom ersten Tag an wissen: Mama und Papa boxen mich da raus! Wie auch sonst ist das zu erklären? Immer wieder hört man Eltern sagen: „Also zuhause verhalten sich unsere Kinder ganz anders!“. Oder die Eltern sind ganz erstaunt, welch gute Manieren das Kind in Kindergarten oder Schule an den Tag legt.

Es ist für die Kinder so offensichtlich: bei Mama und Papa kann ich mich ausprobieren. Da kann ich die wildesten Dinge ausprobieren: sie werden mich immer lieb haben!

Was also können wir daraus lernen?

Jede erfolgreiche Entwicklung braucht ein stabiles, schützendes Umfeld. Achten und pflegen Sie Ihres!

Kommen Sie gut über die Runde und viel Spaß beim Laufen!


Buch der Woche (heute mal „YouTube-Link der Woche“): Simon Sinek „Performance vs. Trust“
https://youtu.be/kJdXjtSnZTI

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.