Mai 26, 2021

„Laufschuh-Dialoge“ – Woche 09/24

Wenn Sie lieber hören als lesen: schnell rüber in den Laufschuh-Podcast!
https://carstensprung.de/podcasts/laufschuh-podcast-woche-9/

Herzlich Willkommen zu unserer Laufrunde. Ich freue mich heute ganz besonders über Ihre Begleitung: denn heute geht es um ein ganz besonderes Thema. Und ich bin davon überzeugt: es ist ganz in Ihrem Interesse.

Bevor wir uns auf diese Runde begeben, möchte ich unsere bisher zurückgelegten Kilometer zusammenfassen. Wir waren uns von der ersten Laufrunde an ja einig: wir brauchen Veränderungen. In allen Bereichen unseres Lebens. Und selten waren sie wichtiger als jetzt. Und wohl selten waren Sie auch leichter als in dieser Zeit.

Seit dem Start haben wir uns mit vielen wichtigen Beobachtungen beschäftigt: wir haben uns mit der Komplexität im Alltag beschäftigt. Oder mit dem allgemeinen Gefühl der Wirkungslosigkeit.

Und heute möchte ich Sie einladen: schauen Sie mit mir auf der Laufrunde doch einmal hinter ein ganz wesentliches Geheimnis. Und lassen Sie uns die wichtige Frage beantworten: womit fängt alles an? Was löst bei uns den Wunsch aus, über eine Situation nachzudenken? Wo liegt die Keimzelle einer Überzeugung?

Ich kann Ihnen versprechen und muss Sie warnen: diese Laufrunde wird Sie aufwühlen. Sie werden im Anschluss viele Dinge mit anderen Augen sehen. Und Ihr persönliches Umfeld? Das werden Sei einer sehr genauen Prüfung unterziehen.

Diese Laufrunde ist genau das, worum sie sich dreht. Sie ist ein

Impuls, der
Substantiv, maskulin
Bedeutung (u.a.): Anstoß, Anregung

So schreibt der Duden über den Impuls. Und ich kann es förmlich spüren: Sie hatten jetzt mehr erwartet, richtig? Gut, vielleicht entschädigt Sie ja ein Blick in die Physik.

Dort heisst es:

„Der Impuls ist eine grundlegende physikalische Größe, die den mechanischen Bewegungszustand eines physikalischen Objekts charakterisiert. Der Impuls eines physikalischen Objekts ist umso größer, je schneller es sich bewegt und je massereicher es ist. Damit steht der Impuls für das, was in der Umgangssprache unscharf mit „Schwung“ und „Wucht“ bezeichnet wird.“

Alles klar?!?

Ich merk schon: so kommen wir nicht richtig weiter.

Da müssen wir wohl mit dem analytischen Blick ran: es dreht sich also um eine Bewegung. Und die Größe eines Impulses richtet sich nach der Masse und der Schnelligkeit der Bewegung. Bezogen auf unser Thema „Veränderungen“ kann man das also ganz prima übersetzen:

Je mehr Menschen an der Veränderung beteiligt waren und je schneller sie eintrat, umso größer war der Impuls. Es stimmt also: der Impuls hat uns „in Schwung gebracht“.

Allerdings stellt sich mir sofort eine neue Frage: braucht es wirklich große Impulse für einschneidende Veränderungen? Oder reicht nicht auch ein kleiner Impuls? Der dann allerdings zu großen Überzeugung wird. Die dann mit entsprechender Wirkung … Sie ahnen es schon!

Bei aller Physik: entscheidend ist für den Impuls, dass er wirkt!

Dann sollten wir auf den nächsten Kilometern mal darüber reden, wie ein Impuls Wirkung entfaltet!

Bei Impulsen verhält es sich wohl wie mit vielen anderen Dingen. Um die Wirkung zu verstehen, hilft nur eines: zunächst müssen wir verstehen, worum es sich eigentlich handelt.

Ich bin mir ziemlich sicher. Sie alle kennen die Situation: Jemand spricht Sie ungefragt auf eine Situation an. Sie erhalten völlig unvermittelt Auskunft: wie Ihr Verhalten wahrgenommen wurde. Oder welchen Anteil Sie an einer Entwicklung haben. Was Sie anders machen müssten. Oder was Sie alles nicht gemacht haben – obwohl genau das jetzt angesagt gewesen wäre.

Wenn Ihnen das bis hierher bekannt vorgekommen ist, dann werden Sie mir auch bei der nächsten Beobachtung sicher zustimmen: unsere erste Reaktion ist? Ganz genau: aus tiefstem Inneren heraus empfundene Ablehnung.

In einem Workshop über Feedback würde man Ihnen jetzt empfehlen, sich aus Respekt für den Impuls zu bedanken und zu schweigen. Sich auf gar keinen Falle dafür zu rechtfertigen. Und dann im Nachhinein zu reflektieren: was ist wahres dran? Kann ich etwas konstruktives daraus mitnehmen?

Die Wahrheit ist allerdings: wir sind mit dieser Person erst einmal so etwas von fertig. Und wollen eigentlich genau das Gegenteil tun: demjenigen unsere Meinung sagen und das Thema sofort wieder vergessen. Die Ursache für diese – im übrigen sehr logische Reaktion – ist sehr einfach: es liegt an der Zeitform und an der Grammatik.

Und da sind Sie doch sicher absolut sattelfest, nicht wahr?

Im Ernst: es ist gar nicht so kompliziert. Sowohl bei der Zeitform als auch bei der Grammatik sind drei Unterscheidungen wichtig. Bei der Zeitform sind das: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und in Bezug auf die Grammatik: Fragesatz, Aussagesatz und Aufforderungssatz. 

Das Beste: in Sachen „Impuls“ kommt der Aufforderungssatz sowieso nicht vor. Den können wir also direkt wieder streichen!

Gehen wir das an einem Beispiel kurz durch: es dreht sich um einen Elektroinstallateur. Dieser hat bei der Verdrahtung eines Schaltschrankes einige Schrauben nicht fest genug angezogen. Nun haben sich Leitungen gelöst und es hat einen Kurzschluss im Verteiler gegeben. Zum Glück nichts wirklich schlimmes passiert. Der Meister allerdings ist natürlich nicht besonders glücklich und es kommt zu folgendem Gespräch:

„Wie konnte das passieren? Ich habe mir das schon gedacht, als ich Dich gesehen habe. Da hast Du so soft die Schrauben angezogen. Das konnte ja nicht gut gehen! Wie oft muss ich es Dir noch sagen? Gerade beim Anschluss der Kabel musst Du dich konzentrieren! Begreifst Du das endlich?“

Ui. Da ist jetzt aber einiges schief gelaufen. Und ich bin mir sicher: wir können uns alle gut in den armen Mitarbeiter hineinfühlen.

Schauen wir uns das also mal näher an. Mal abgesehen von der großen Anzahl anklagender Aufforderungssätze lohnt sich ein Blick auf die Zeitformen. Es scheint ein großer Irrtum vorzuherrschen: ein guter Impuls richte sich auf die Vergangenheit.

Machen wir uns das bitte mal klar: die Vergangenheit klärt die Schuldfrage! Das kann keiner mögen!

Die Vergangenheit kann uns natürlich helfen: wir können Grundsätzliches klären. Oder auch das gemeinsame Verständnis prüfen. Am Besten eignet sich die Vergangenheitsform für etwas leider selten gewordenes: schildern wir allgemeine Beobachtungen. Ohne Wertung und ohne Anklage. Hier kommt auch die Grammatik ins Spiel: in der Vergangenheitsform machen sich Aussagesätze sehr dekorativ.

Klingt einfach, oder?

Stellt sich allerdings die Frage: wann haben Sie das letzte Mal eine Beobachtung geteilt?

In unserem Beispiel könnte der Meister also sagen:

„Mir ist aufgefallen, dass wir lange nicht über die notwendigen Kontrollen nach der Verdrahtung eines Schaltschrankes gesprochen haben.“

In der Gegenwartsform dreht es sich dann um eine Interpretation oder Wertediskussion.

„Mir scheint, darauf sollte ich mehr achten. Das ist ja nun wirklich so wichtig. Und wie wir sehen, kann es üble Folgen haben. Zum Glück ist nichts schlimmeres passiert.“

Und jetzt kommt die Königsdisziplin. Der Impuls! Ganz genau: ein guter Impuls richtet sich eigentlich immer auf die Zukunft. Er fordert heraus. Und versteckt sich meist in einer Frage.

„Was denken Sie? Wie sollten wir das in Zukunft anders machen um solche Fälle zu vermeiden?“

An dieser Stelle ist mir eine Feststellung wichtig: nicht jedes Feedback ist als ein Impuls gedacht. Oder muss ein Impuls sein. Und wenn auch noch Emotionen ins Spiel kommen: zugegeben, dann wird es wirklich kompliziert.

Wann immer wir allerdings zu Veränderung motivieren wollen (oder müssen), geht es nicht anders: nur durch respektvollen Umgang und einen an den Grundsätzen orientierten Dialog wird ein Impuls draus.

Zusammengefasst: ein guter Impuls lässt dich Schuldfrage ausser Acht. Er richtet sich nur nach vorne. Und er versteckt sich meist in einer Frage. Und motiviert uns: denn er weckt Interesse an einer Veränderung und schafft damit DIE wesentlichste Grundlage dazu.

So weit, so gut; aber ist das alles?

Lassen Sie uns also noch über einen anderen Punkt sprechen. Nach dem „WAS ist ein Impuls?“ kommt nämlich zwangsläufig das „WER kann mir einen Impuls geben?“. Und Sie ahnen es jetzt sicher schon: die Antwort auf diese Frage ist alles andere als trivial!

Es ist natürlich eine hübsche Vorstellung: jeder kann jedem Impulse geben. Leider ist es nur nicht die Realität. Die ernüchternde Wahrheit sieht anders aus. Nun ist Impulse zu bekommen und diese annehmen zu können allerdings extrem wichtig für die persönliche Entwicklung. Nahezu jede Veränderung basiert auf einem Impuls.

Wir müssen uns als auf den Weg machen. Wie also finde ich meine Impulsgeber?

Die gute Nachricht: eigentlich ist es gar nicht so schwer. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben Sie schon welche. Und ich bin mir sicher: die besten Impulsgeber befinden sich schon jetzt in Ihrem persönlichen Umfeld.

Fragen Sie sich doch mal selbst: wen fragen Sie häufig um Rat? Und warum ausgerechnet diese Person?

Wo also drückt der Schuh?

Ich habe einen Verdacht: auf der einen Seite sind wir grundsätzlich im Moment sehr resistent gegen Impulse. Das liegt auf der einen Seite am allgemeinen Klima. Darüber haben wir ja vor kurzem erst gesprochen. Die Informationsflut überschwemmt uns mit Impulsen. Und da kommt es natürlich auch zu „Fehlzustellungen“: Impulse, die gar keine sind. Oder sein sollten. Oder eben nicht für uns gedacht waren.

Dazu kommt dann noch ein aktuell als sehr stark empfundener Druck. Und auch wenn der teilweise selbstgemacht ist: der resultierende Stress ist der gleiche. Durch diesen Druck empfinden wir gut gemeinte Impulse – wenn wir sie überhaupt erkennen – als Einmischung oder Besserwisserei. Schlimmer noch: als unangemessene Kritik.  

Auf der anderen Seite steht eines der Geheimnisse, auf die ich auch erst vor ein paar Jahren gekommen bin: wir erwarten Impulse an Stellen oder von Menschen, die uns gar keine Impulse geben können: aus Internetrecherchen. Vom „besten Freund“ bzw. der „besten Freundin“. Vom Kollegen.

Es gibt leider keine Garantie. Auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen: wenn die Bindung zu einem Menschen nicht „impulsfähig“ ist, können wir uns auf den Kopf stellen. Dann wird das nichts. Dann kann das natürlich dennoch ein toller Freund oder eine tolle Freundin sein. Aber eben nicht mein Impulsgeber.

Das zu wissen eröffnet und allerdings eine großartige Gelegenheit: es vermeidet Frust. Und hilft uns. Bei der Suche nach den Impulsen, die uns richtig nach Vorne bringen.

Wie sie sehen: es lohnt sich also. Finden Sie die Menschen, von denen Sie Impulse annehmen können!

Ich muss Sie jetzt noch einmal warnen: es ist nicht unwahrscheinlich, dass Ihre aktuelle Partnerin bzw. Ihr aktueller Partner nicht zu dieser Gruppe gehört. Das muss kein Widerspruch sein! Meine Erfahrung zeigt es für mich sehr deutlich: Liebe ist nicht das Bonusheft für Impulse! Liebe ist die stabile Grundlage, einen sicheren Raum für Ihre Überzeugungen zu haben. Rückhalt zu finden. Zuspruch und mitunter kritische Begleitung.

Die Beziehung muss also nicht für die Impulse sorgen. Sondern für den Rückhalt, die entstandenen Überzeugungen ausleben zu können.

Um es jetzt vollständig kompliziert zu machen: es kann durchaus passieren, dass Sie von einem Menschen Impulse empfangen können. Beim Geben von Impulsen hapert es dann aber. Oder auch umgekehrt. Nun soll es ja vorkommen, dass ich Impulse oder Feedback geben muss. Dann führt ja kein Weg daran vorbei: ich brauche eine Basis für meine Impulse. Ich muss dafür sorgen, dass meine Impulse empfangen werden können.

Vielleicht hilft Ihnen ja eine kleine Check-Liste:

  • Schaffen Sie eine „sicher Umgebung“.

Möglicherweise haben Sie das ja auch schon einmal erlebt: in einem Gespräch geht es auf einmal um sehr persönliche Dinge. Und dann sagt man gerne mal so Sachen wie: „Das bleibt ja unter uns, ja?“. Oder: „Das sage ich aber nur jetzt hier im ungeschützten Raum.“. Und genau darum geht es. Wenn Sie Impulse geben müssen (z.B., weil es zu Ihrer Aufgabe als Manager eines Teams gehört), schaffen Sie eine sichere Umgebung. In der sich die Menschen etwas trauen. Etwas kritisches zu sagen zum Beispiel. Oder ihre ehrliche Meinung zu einem Produkt oder einer Situation. Diese sichere Umgebung ist die stabile Grundlage für einen Impuls. Es besteht die berechtigte Hoffnung: Ihr Impuls wird keine Existenzängste auslösen. Sondern im besten Falle zum Nachdenken anregen.

  • Ermöglichen Sie die Wirkung Ihrer Impulse.

Wir haben ja vor kurzem über Wirkung gesprochen. Ein Impuls sollte daher vor allem eines tun: Zuversicht vermitteln. Einen Impuls, der ein negatives Ergebnis vorhersagt? Das kann ja keiner gut finden, oder? Hat Ihr Impuls hingegen den gewünschten Schwung gegeben? Dann lassen Sie ihm auch Zeit zur Wirkung. Oder anders ausgedrückt: lassen Sie der Mitarbeiterin oder dem Mitarbeiter Zeit zur Reflexion und Umsetzung. Und unterstützen Sie dabei. Das wird die Wirkung noch weiter erhöhen!

  • Und nicht vergessen: Impulse richten sich nach vorne und verstecken sich am liebsten in Fragesätzen.

Bevor Sie jetzt völlig verzweifeln: es ist gar nicht so schwierig. Wir müssen es nur tun! Und eventuell auch einfach mal einsehen: nicht jeder noch so gut gemeinte Impuls trifft auf fruchtbaren Boden. Und das ist auch in Ordnung so. Also kein Grund, zu verzweifeln. Machen Sie einfach weiter!

Bevor es nun für heute auf die Zielgrade geht: schaffen Sie sich Raum für Impulse!

Und damit kommen wir zum letzten Punkt für unsere heutige Laufrunde: gehen Sie doch auf Nummer sicher. Suchen Sie doch aktiv nach Impulsen. Das hat viele Vorteile:

  • Ich bin prinzipiell „auf Empfang“ und offen für den Impuls.
  • Ab sofort suche ich mir ja immer gleich die richtigen Impulsgeber aus.
  • Ich habe schon einmal etwas wichtiges akzeptiert: ich bin der Überzeugung, das es „nicht rund läuft“. Und damit habe ich bereits die halbe Miete zum Interesse an der Veränderung zusammen. Wie praktisch!
  • Ich vertraue meiner Impulsgeberin bzw. meinem Impulsgeber.

Und vergessen Sie nie: es kommt nicht auf die Größe eines Impulses an. Oder seine „Wucht“. In diesem Zusammenhang fällt mir der Text eines wunderschönen Liedes ein:

„Ins Wasser fällt ein Stein
Ganz heimlich, still und leise.
Und ist er noch so klein,
Er zieht doch weite Kreise“

Merken wir uns: nicht die Intensität oder die Lautstärke eines Impulses ist entscheidend. Das Ausmaß der Veränderung durch einen Impuls hängt nur von der Antwort auf eine Frage ab:

erkenne ich den Impuls und entfacht er Interesse in mir.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Laufen und eine sonnige Zeit.

Buch der Woche: Florian Basler: „50 Ratgeber in 100 Minuten“ (ISBN: 978-3-96905-036-1)

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