April 27, 2021

„Laufschuh-Dialoge“ – Woche 05/24

Wenn Sie lieber hören als lesen: schnell rüber in den Laufschuh-Podcast!
https://carstensprung.de/podcast/laufschuh-podcast-woche-5

Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Richard von Weizsäcker gehört wohl unbestritten zu den großen Persönlichkeiten des Nachkriegsdeutschlands. Und es geht wohl Vielen so wie mir: wünschen wir uns nicht immer häufiger solche Politiker zurück? Klar in ihrer Haltung. Fest verwurzelt bei uns Menschen. Und immer die gute Zukunft von uns allen im Blick.

Was mich aber viel mehr bewegt: seine Worte erscheinen mir heute wichtiger als jemals zuvor.

Und damit „herzlich Willkommen“ zu unserer Laufrunde in dieser Woche!

So langsam drängt der Frühling den Winter zurück und das Training wird deutlich angenehmer. Leider gilt das noch nicht für dieses doofe Virus und so musste ich auf einen Besuch bei meiner Großmutter zu Ihrem 99ten Geburtstag verzichten. Sie können sich das vielleicht vorstellen: einen Gin-Abend, einen Workshop, eine Vorstandssitzung – vieles ist mittlerweile virtuell in Videomeetings möglich.

Aber ich WILL MICH NICHT daran gewöhnen, mit meiner Oma per Videokonferenz zum Geburtstag anzustoßen!

Kurz gesagt: Die Pandemie nervt! Und doch ist sie nach wie vor ein Gradmesser für unseren Umgang mit Informationen in dieser Zeit. Mehr noch als vor der Pandemie scheinen wir die Informationen aufzusaugen wie ein Schwamm. Was sollen wir auch sonst gegen die Langeweile tun? Ist ja an sich auch kein Problem. Wenn man aber alle Informationen ungefiltert aufnimmt geschehen merkwürdige Dinge: da geht es plötzlich nur noch um die Extreme! In einem Diskussionsabend mit Volker Busch habe ich dazu etwas interessantes begriffen: sich von Algorithmen einer Internetrecherche leiten zu lassen setzt quasi „immer noch einen oben drauf“. Dabei sind viele der umherschwirrenden Informationen gar nicht beachtenswert: sie werden von immer neuen überholt.

Also machen wir uns klar: die Masse der Informationen hat eine sehr begrenzte Haltbarkeit.

Wie konnte es soweit kommen? Für die Generation unserer Eltern sind Informationen noch eine harte Währung. Fragen Sie mal nach! Aber dazu kann ich Ihnen gleich noch eine kurze Geschichte erzählen.

Also noch einmal: wie konnte es zu einer solch inflationären Informationsflut kommen? Lassen Sie mich raten: Sie gehören auch zu diesen Menschen? Immer und überall das Handy dabei? Kenn ich – leider! Und? Sind Sie eher der Typ „lautlos“ oder der Typ „Ping“?  Manchmal habe ich einen erschreckenden Verdacht: viele haben Angst vor der Handy-Einstellung „lautlos“! Bloß nichts verpassen! Die große Sorge vor Augen: wenn ich JETZT das Handy aus den Augen lasse ist es passiert! Dann hört die Welt ganz bestimmt auf, sich zu drehen!

Ganz ehrlich? So ein QUATSCH! Und eigentlich wissen wir das auch selbst.

Und doch: zu einer bewussten Entkopplung gehört heute schon viel Kraft. Die Sucht nach vermeintlichen Neuigkeiten ist groß! Und die Angst vor Bedeutungsverlust noch viel größer: Hauptsache, ich kann mitreden!

Machen wir uns doch mal einen Spaß draus und schauen genauer hin: was denken Sie? Wieviele Twitter-Nachrichten werden ca. pro Tag versendet? Im übrigen auch so eine absurde Bezeichnung! Tweets werden doch eher „auf den Markplatz geschmissen“ als gezielt „versendet“ wie ein Brief, oder? Aber zurück zur Frage! Also? Genau, Sie haben es sicher gewusst: es sind täglich ca. 500 Millionen Tweets! Das sind ca. 6.000 pro Sekunde! Völlig irre!

Jetzt könnten Sie einwenden: „Ich bin gar nicht bei Twitter!“. Na, Glückwunsch! Das sind doch gute Nachrichten. Und? Wie geht es Ihnen damit? Gut, nehme ich an?

Die schlechte Nachricht allerdings: auch bei WhatsApp sieht es nicht besser aus! Im Schnitt prüft jeder User WhatsApp 23 Mal pro Tag auf neue Nachrichten und verbringt 195 Minuten im Messenger.

195 Minuten?!?

In der Zeit will ich im Herbst mit dem Marathon fertig sein … !

Doch damit nicht genug: täglich werden ca. 750.000 Nachrichten weltweit verschickt – pro Sekunde!

Wer soll das alles verarbeiten?!?

Da wundert mich gar nichts mehr: wie sollen wir bei der Informationsflut nicht kognitiv ermüden? Was waren das früher für Zeiten? Es ist nicht einmal 20 Jahre her! Und ich kann mich noch gut daran erinnern: sonntags wurde telefoniert! Da waren Anrufe ins deutsche Festnetz nämlich kostenlos! Die jüngeren unter Ihnen mag das jetzt irritieren: an den anderen Tagen musste man die Gespräche nach Dauer bezahlen … . Viel wichtiger war aber eine der ersten Fragen. Können Sie sich noch erinnern? Genau: „Was gibt es Neues?“

Und heute?

Da lassen wir uns die „Neuigkeiten“ auf den Sperrbildschirm melden und leiten diese für uns „brandneuen News“ oftmals ungefiltert und unkommentiert an unsere „Community“ weiter.

Aber wie sollen wir dann mal zur Ruhe kommen? Unmöglich?

Also hilft wohl nur radikales Umdenken! Und auch, wenn die Idee wagemutig und verrückt erscheint:

nehmen wir doch einfach mal nicht jede verfügbare Information an!

Wäre doch auch mal nicht schlecht: der Sperrbildschirm sperrt nicht nur Fremde von der Nutzung meines Telefons aus. Er könnte doch auch mich gegen die Flut an Informationen absperren. Oder?

Im Buch der Woche „Machs einfach“ erhalten wir von Regina Tödter tolle Inspirationen. Wie machen wir unser Leben wieder einfacher? Ihrer Meinung nach übrigens nicht durch eine Flucht aus dem Alltag, indem man aufs Land zieht oder das Smartphone abschaltet. Aber wie denn dann?

Eigentlich wäre jetzt konsequentes Handeln erforderlich. Lesen Sie nicht weiter und schützen sich vor zusätzlichen Informationen! Das wäre natürlich jammerschade – aber eben auch konsequent. Vielleicht können wir uns darauf einigen: ich erzähle Ihnen noch kurz die versprochene Geschichte und danach legen wir die Füße hoch.

Einverstanden? Also gut, man soll die Trainingsbelastung auf den Laufrunden ja auch immer wieder variieren.

Kommen wir also noch einmal zurück zur Generation unserer Eltern. Und einer Geschichte, von der ich überzeugt bin, dass Sie sehr in Ihrem Interesse ist.

Ich komme ja aus dem Oldenburger Land und bin zwischen Bremen und Oldenburg aufgewachsen. Mein Vater ist Ende 70 und hat sein ganzes Leben in seinem Heimatdorf gelebt. Und der Begriff „Dorf“ ist hier im ganz ursprünglichen Sinne zu verstehen. Der Bericht über die Einwohner liest sich wie folgt: 1000 Menschen, 2000 Kühe und ein paar Kreaturen … ach, lassen wir das!

Mit diesem Wissen im Hinterkopf stellt sich die Frage: woher erfährt man die neuesten Dinge? Da lohnt ein Blick zurück: auf dem Dorf rieselten die Neuigkeiten von oben nach unten. Ortsvorsteher, Kaufleute, Gastwirt, später auch die Frisöre oder der Platzwart. Sie alle waren die am besten informierten Menschen. Ihre Funktion brachte sie in diese Position. Und ihr Wissen hielt sie im Ansehen hoch. Natürlich wurde die Neuigkeit immer mit einer persönlichen Note verfeinert. Je nach Person und Sichtweise konnte es dadurch zu erheblichen Abweichung kommen. Es war also vor allem eines wichtig: man musste die richtigen Leute kennen.

Mein Vater ist so einer mit großem Netzwerk. Und Spaß am telefonieren. So sitzt er gerne stundenlang an seinem Schreibtisch. Und telefoniert! Mit einem schnurgebundenen Telefon! Und wie ich so neben ihm stehe und diese “brandheiße Neuigkeit“ schon zwei Tage vorher auf meinem Smartphone im Internet gelesen habe fällt es mir auf:

Mein Vater hat gar keinen Stress damit. Er muss nicht alles erfahren sobald es passiert. Einfach „irgendwann“. Zeitnah. Das wäre schön. Und in der Zwischenzeit genießt er den persönlichen Austausch von Mensch zu Mensch. Man muss kein Prophet sein: natürlich ist die Menge der Neuigkeiten nur ein Bruchteil „meiner“. Wir waren uns aber doch gerade noch einig: weniger ist hier wohl mehr. Und es läuft noch besser für ihn: er hat bereits eine Gewichtung erhalten. Und ganz nebenbei beobachtet: die meisten der Gespräche beginnen mit „Was gibt es Neues?“.

Also müssen wir wohl festhalten: Nicht jeder Mensch informiert sich auf die gleiche Weise.

Nur: was lernen wir daraus? Zunächst einmal sind Unterschiede ja kein Problem. Wir alle kennen allerdings sicher das Konfliktpotential aus dem Unwissen darüber aus eigener Erfahrung. Und gerade wenn es um ein gutes Gespräch geht gibt es keinen Spielraum: die Beteiligten sollten es aus den gleichen Motiven heraus führen.

Stellen wir uns das doch einmal kurz vor: wir wollen ein Gespräch führen. Das Thema fühlt sich für uns wichtig an. Und unser Gesprächspartner ist uns ganz grundsätzlich für dieses Thema angenehm. Es fühlt sich „passend“ an. Und dennoch gerät man in Streit. Vielleicht sogar bis zum totalen Zerwürfnis. Wie kann das passieren? Wenn man sich dann in der Folge wieder berappelt stellt man etwas fest: ich suche vor Informationen überquellend nur den schnellen Austausch. Schlimmer noch: vielleicht auch nur die Bestätigung meiner Position. Mein Gegenüber allerdings möchte mit mir über die gerade erfahrene Neuigkeit sprechen. Sie ein wenig drehen und wenden. Sie bewerten und auf Relevanz prüfen. Oder – und da sind wir wieder bei der Wertschätzung der Informationsträger in früheren Tagen – mir einfach nur diese Neuigkeit teilen. Getrieben vom Stolz: sie in Erfahrung gebracht und daraus vielleicht auch schon eine Beobachtung abgeleitet zu haben.

Ich habe diese Situation im letzten Jahr persönlich durchlebt. Es war der erste richtig heftige Streit mit meinem Vater in meinem Leben. Völlig davon beeindruckt habe ich mir eines geschworen: das passiert mir nie wieder! Und seitdem liegt mein Augenmerk immer zunächst auf diesem wichtigen Aspekt: ich sorge für eine Klärung der für dieses Gespräch notwendigen Informationen.

Was soll ich sagen? Es hilft!

Also los: schaffen wir eine gemeinsame Informationsbasis für ein gutes Gespräch.

Und dann?

Lassen wir uns nicht hineintreiben in die Feindschaft und den Haß. Nehmen wir unseren Mut zusammen. Und treffen wieder eigene Entscheidungen.

Und leben miteinander, nicht gegeneinander.

Ich finde: das sind wir der Zukunft unserer Kinder schuldig!

Und Richard von Weizsäcker? Der wäre stolz auf uns!

Ich freue mich auf unsere nächste Runde und wünsche Ihnen bis dahin: eine sonnige Zeit.

Youtube-Playlist „Laufschuh-Dialoge“
http://bit.ly/Laufschuhdialoge_Playlist

Buch der Woche:
Regina Tödter: „Machs einfach“
TRIAS Verlag
ISBN: 978-3-432-10809-4


Trainingsplan-Woche 05/24 (Abschnitt I – Woche 01-08 – HM < 1h:27Min.)

Mo. 05.04../.
Di. 06.04.3 km Einlaufen – 4x 2.000m  (4:07 min/km) – 3 km Auslaufen
Mi. 07.04.ruhiger Dauerlauf 60 Min. (12km)
Do. 08.04.Tempolauf 10 km (ca. 4:25 min/km)
Fr. 09.04../.
Sa. 10.04.ruhiger Dauerlauf 60 Min. (12km)
So. 11.04.Langsamer langer Dauerlauf 130 Min. (23km)

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