Februar 28, 2021

Der Bauch spricht Muttersprache!

Und? Jetzt mal ganz ehrlich! Also, ich mein: so richtig ehrlich! Wann haben Sie sich das letzte Mal mit Ihrem Bauch unterhalten?

Und ich meine jetzt nicht diese Form von Unterhaltung, bei der ihr zentrales Organ durch unmissverständliche Knurr-Geräusche darauf hinweist, dass es Zeit für Nahrung ist.

Ich meine so ein „echtes Gespräch zwischen Mensch und Bauch“!

Ok, bevor Sie mich jetzt wahrscheinlich für völlig verrückt halten, sollten wir uns vielleicht darauf verständigen, im weiteren Verlauf vom „Bauchgefühl“ zu sprechen? Einverstanden?

Prima, das freut mich. Eine gemeinsame Basis ist ja erst einmal wichtig. Eine gute Grundlage für das wichtige Thema, über das wir nun sprechen wollen.

Bevor wir uns nun also näher mit dem Bauch oder Bauchgefühl beschäftigen möchte ich Sie einladen, und bin mir sicher, das ist ganz in Ihrem Sinne, mit mir eine kurze Bilanz zu ziehen.

Aktuell ist wohl eine der häufigsten Überlegungen, was wir aus der Pandemie gelernt haben. Was nehmen wir mit aus den Erfahrungen der letzten Monate? Woher nehmen wir die Motivation, nicht in uns und unserer Situation zu versinken sondern nach vorne zu schauen und unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen.

Mich macht das wahnsinnig, wenn ich sehe, wie viele Menschen mit hängenden Schultern durch die Zeit gehen. All denen möchte ich zurufen

„Hey, wenn Du bislang keinen Infektionsfall in Deinem Umfeld hattest, Du keine Jobangst hast und Deine Kinder fröhlich im Garten spielen, dann krieg‘ gefälligst den Hintern hoch und mache 2021 zu Deinem Jahr!“

Leider ist es wie so oft, es gibt auch hier nicht die „eine Antwort“ oder den „goldenen Weg“. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass es sich lohnt, mal etwas genauer hinzuschauen und sich zu fragen: „Wie kriegen wir denn nun die Kurve?“

Es ist ja nicht ohne Grund, dass sich Psychologen wie zum Beispiel Volker Busch intensiv mit der Frage beschäftigen, was wichtig ist für unser Gehirn, um in der dramatisch digitalisierteren Welt den Kopf über Wasser zu halten.

Oder welche psychische Folgen Home Office und die Distanz zu anderen für uns Menschen haben.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, mich ganz persönlich hat in den letzten Wochen besonders die Beobachtung beschäftigt, dass mich die Impulse von außen entweder sehr angesprochen oder sehr schnell abgeschreckt haben. Ein, nennen wir  es mal „interessantes Mittel“, scheint es gar nicht mehr zu geben.

Woran mag das liegen?

Sie kennen das sicher auch: manches kann man sich stundenlang und wiederholt anhören während anderes wiederum einen sehr schnell an den Rand der kognitiven Ohnmacht führt?

Ich möchte Sie bitten, lassen Sie uns noch einmal einen kleinen Schritt zurückgehen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie mir zustimmen: wir stehen mitten in gravierenden Veränderungen. Es gibt die ersten, die von einer Jahrhundertreform sprechen. Die Pandemie hat wie ein Brennglas schonungslos offenbart, woran wir in den vergangenen Jahrzehnten keinen Gedanken verschwendet haben. Wie kann man auf die verwegene Idee kommen, in einem Klassenraum wird kein warmes Wasser benötigt? Oder das alleine durch E-Mobilität und Car-Sharing die Klimaerwärmung gestoppt wird? Ernsthaft? Leute! Wer will sich denn jetzt noch in ein Auto setzen von dem man nicht weiss, ob nicht vorher 5 Corona-Positive dringesessen haben?!? Es muss etwas passieren, und in diesem Punkt habe ich schlechte Neuigkeiten für Sie: die Geschwindigkeit, mit der die Veränderungen über uns einbrechen, wird nie wieder SO LANGSAM sein, wie in den vergangenen 12 Monaten.

Interessanterweise haben uns die vergangenen Monate etwas sehr eindrucksvoll gezeigt: zu welchen zum Teil sehr schmerzhaften Veränderungen wir in der Lage sind, wenn wir dazu gezwungen werden.

Nun kommt endlich unsere große Stunde und wir haben die große Chance, die vor uns liegenden Veränderungen selbst mitzugestalten. Nehmen wir doch die Zügel endlich in die Hand!

Und genau dazu braucht es den Dialog. Braucht es die gesellschaftliche Debatte aus Rede, Gegenrede und Synthese. Sie muss zu einer Beschreibung des zu lösenden Problems als Kompromiss vieler Einzelmeinungen führen.

Ich kann es förmlich greifen. Sie fragen sich doch sicher gerade, warum es stattdessen überwiegend Beschimpfungen, Bezichtigungen und Belehrungen gibt? Warum wir uns mit Opfern des dritten Reiches gleichsetzen, weil wir uns entmündigt fühlen? Du liebe Güte!

Die gute Nachricht ist: Debatten lassen sich erzwingen. Mit viel Geduld und der Gewissheit, dass es uns die Zukunft unserer Kinder Wert sein sollte!

Die schlechte Nachricht: wir müssen mehr tun, als die Leute anzuquatschen. Glauben Sie mir, ich habe es mein halbes Leben lang versucht, das funktioniert nicht! Um für eine Debatte, einen Dialog gerüstet zu sein ist es vielmehr von Bedeutung, erst einmal zu wissen, was ich selbst eigentlich will. Und genau hier zu braucht es den Dialog nach innen. Ich muss herausfinden, wer ich bin.

Das macht niemand für mich!

Und ich muss herausfinden, was mich ausmacht, was mich geprägt hat und was ich für mich und meine Umgebung erreichen will.

Kurz gesagt: ich muss innere Klarheit gewinnen oder auch mein eigenes „Warum“ finden.

Zur Wahrheit gehört natürlich auch, dass wir mittlerweile müde und erschöpft im Kopf sind. Die überwältigende Mehrheit an Impulsen erreicht uns gar nicht mehr. Wir kalibrieren uns nicht mehr in Gesprächen mit Freunden oder Vertrauten und so bleiben die Informationen ohne Gewichtung. Und wenn wir miteinander reden, versäumen wir das naheliegendste: zu Beginn mit unserem Gegenüber eine gemeinsame Basis zu finden.

Wann haben Sie das letzte Mal ein Gespräch mit der Frage begonnen: „Ist gesundheitlich in Deinem Umfeld alles ok?“?

Das Ergebnis ist verblüffend: in einem auf einer gemeinsamen Basis stehenden Dialog gibt es immer wieder Impulse, die mich ansprechen!

Das können zum Beispiel interessante Worte sein deren Entsprechung mir nicht bekannt ist. Oder aber ein Begriff aus einem mir fremden Themenfeld. Oder auch das Gefühl, dass ich etwas einfach nicht mehr richtig anfühlt.

All das motiviert uns, mehr wissen zu wollen. Und so beginnen wir, uns um diesen Impuls herum zu informieren. Meine Erfahrung zeigt mir wie wichtig es dabei ist, dass uns der Impuls selbst nicht wieder abschrecken darf. Wollen wir also unserem Gegenüber einen Impuls geben, müssen wir im Vorfeld genau abwägen, bis zu welchem Punkt sich die Neugier entwickeln lässt und wann sie in ein „genervt sein“ umschlägt.

Verpassen wir diesen Punkt, erreichen wir exakt das Gegenteil.

Damit aus einem Impuls die Motivation zum inneren Dialog entstehen kann, muss aus einer rationalen Neugier ein positives Bauchgefühl werden. Denn am Ende entscheidet, und auch das ist eine Erfahrung aus unzähligen Gesprächen meiner beruflichen Laufbahn, immer „das gute Gefühl“. Und nicht erst Simon Sinek stellt fest, dass dieses Bauchgefühl nicht in Worte zu fassen ist. Entspricht eine Veränderung unserem inneren „Warum“, unserer inneren Einstellung, dann werden wir mit allen Mitteln – quasi mit „brutalem Willen“ – versuchen, sie erfolgreich umzusetzen.

Auch wenn das Bauchgefühl nicht in Worte zu fassen ist, bin ich davon überzeugt: es spricht doch eine eindeutige Sprache! Muttersprache!

Oft genug habe ich in Gesprächen erlebt, dass ein Impuls immer erst in die „eigene Sprache“ übersetzt wurde, damit sich daraus etwas entwickeln konnte.

Und ich denke wir alle kennen diese Situation. Eben habe ich einen Begriff oder eine Formulierung gehört, die ich noch nicht kannte, die mir in dem betreffenden Zusammenhang aber spannend vorkam. Was ist meine Reaktion? in den meisten Fällen nimmt man sich eine Suchmaschine zur Hand und schaut, was man zu diesem Begriff denn so finden kann. Und nicht selten erfolgt an dieser Stelle der „Aha-Effekt“. Es scheint mir beinahe so, dass wir genau an dieser Stelle bereits angefangen haben, den Begriff in unsere eigene Sprache zu übersetzen. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Übersetzung aus einer Fremdsprache oder einer Fachsprache geschieht.

Ich möchte ihnen ein kleines Beispiel dazu geben, von dem ich überzeugt bin, dass sie es in ähnlicher Form auch bei sich selbst schon einmal erlebt haben. Vor kurzem habe ich im Rahmen der sehr empfehlenswerten Reihe „mit Gin und Verstand“ den Begriff des „Wertequadrates“ gehört, das u.a. von Friedemann Schulz von Thun für seine Lehre zur Kommunikation weiterentwickelt hat. Es ging in dem Zusammenhang um die Frage, warum die alltägliche die Debatte, der alltägliche Dialog immer mehr in die Extreme abdriftet .

Das an der Stelle dann folgende Gespräch gab mir einen ersten Eindruck, welch nachhaltiges Potential in einer eingehenden Beschäftigung mit dem Wertequadrat steckt. Das Gespräch gab mir also einen Impuls, und so habe ich mir die Bestimmung des Begriffes näher angeschaut. Und habe die Wirkung auf mich und meinen Alltag in meine eigene Sprache zu übersetzt.

Auf seiner Webseite spricht Schulz von Thun beispielsweise von Tugenden, Schwestertugenden, Untugenden infolge von Übertreibungen, diametralen Gegensätzen oder Regenbogen-Qualitäten. Für mich als Ingenieur fühlt sich eine veränderte Beschreibung aber besser an. Und so gehe ich in Dialoge nicht mit dem Hintergedanken, die Tugend oder Schwestertugend zu identifizieren. Vielmehr versuche ich, auch hier eine gemeinsame Basis zu finden, auf der sich die eigentliche Problemstellung definieren lässt. Interessanterweise dreht sich die Debatte dann auch gar nicht mehr um die Rechtmäßigkeit der Blickwinkel, sondern viel entschlossener um die Lösung des gemeinsam anerkannten Problems.

Warum bin ich nun so überzeugt davon, dass hier unser Bauchgefühl so einen entscheidenden Anteil hat? Und dass dieses Bauchgefühl sich nur von unseren ureigenen Instinkten, unserer Muttersprache überzeugen lässt?

Weil ich in den Dialogen mit meinen Kindern feststelle, dass all die Grundsätze der Debatte auch bei Ihnen gelten. Und wenn ich eines weiß, dann das: Kinder lassen sich nicht von langen Argumentationen beeindrucken, meist schon gar nicht in einer Fremdsprache. Kinder sind klar in ihrer Sicht- und Ausdrucksweise. Sie verlassen sich auf ihr Gefühl, eben ihr Bauchgefühl.

Und eine der wenigen Möglichkeiten, in einen guten Dialog mit Ihnen zu kommen, ist es Ihnen gleich zu tun.

Sozusagen „von Bauch zu Bauch“.

Nutzen wir das bevorstehende Wochenende und reden wir darüber – mit viel Bauchgefühl und einem klaren Blick für eine gute Perspektive!

Lesenswert:

Blog „Buschtrommel“ von Volker Busch: https://www.drvolkerbusch.de/gemeinsam-statt-einsam/

Das neue Buch von Dr. Mirriam Prieß: „Die Kraft des Dialogs. Gelingende Beziehungen mit dem Dialogprinzip – privat, beruflich, zu mir selbst „ (ISBN 978-3-517-09962-0)

Schulz von Thun: Das Werte- und Entwicklungsquadrat (https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-werte-und-entwicklungsquadrat)

Und ein erklärendes Video: https://youtu.be/RPDxoERvNgo

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